Oberschule ''Gotthold Ephraim Lessing'' Lengenfeld

 

Aus der Geschichte des Lengenfelder Schulwesens

1.       Die Anfänge des Schulwesens
Im 16.Jahrhundert schenkte man auch in kleineren Gemeinden der Bildung der Kinder mehr Aufmerksamkeit. Auslöser hierfür war sicherlich die mit dem „Thesenanschlag“ Martin Luthers 1517 beginnende Reformation. So wird 1541 zum ersten Mal in Lengenfeld von einem Schulmeister berichtet.
Aufgrund des äußerst kleinen Gehaltes musste der Lehrer sehr vielseitig sein und oftmals bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit gehen. Wie in anderen Orten war der Hauptberuf des Schulmeisters auch in Lengenfeld der des Küsters oder Kirchendieners. Gleichzeitig bekam er noch das Amt des Gerichtsschreibers und die Schreibarbeiten für die Gemeinde und die Tuchmacherinnung (gegründet 1562) übertragen. Da man ihm auch noch ein kleines Stück Acker- und Wiesenland zuzüglich einer Kuh zuwies, kann man sich leicht vorstellen, wie viel Zeit dann noch für den Unterricht blieb.
Viele Eltern beklagten sich immer mehr über die Qualität des Unterrichtens. Als im Jahr 1622 für die neu angeschaffte Orgel dem Schulmeister auch noch das Amt des Organisten übertragen bekam, widersetzte sich der Schulmeister. Sieben Jahre später stellte man deshalb für all diese Aufgaben eine zweite Person ein.
Wolfgang Schmidt aus Zwickau wurde der neue Lehrer, Küster und Organist. Der bisherige Lehrer Johann Schellhammer wurde fest angestellter Gerichts- und Stadtschreiber. Das Schulgebäude, dessen torartige Durchfahrt der einzige Zugang zu der dahinter liegenden Kirche und dem Friedhof war, stand am Kirchplatz, dem damaligen Markt.
Nun benötigte man aber auch ein zusätzliches Gebäude für die Organistenwohnung und die Kleine Knabenschule. Dieses befand sich an der Hauptstraße gleich neben dem damaligen Rathaus (später Amtsgericht). Es war aber aus pädagogischer und hygienischer Sicht nicht gerade geeignet. Im Erdgeschoss des Hauses waren die Verkaufsstände der Fleischer. Aus der sich unter dem Gebäude  befindenden Kloake  stank es oft widerlich. Außerdem befand sich hier noch der Standort eines Bierwagens.
Um 1700 besaß Lengenfeld aufgrund umfassender Neuerungen im Schulwesen schon drei Lehrerstellen, eine für die großen Knaben, eine für die Mädchen und eine für die kleinen Knaben.
Die Mädchenschule befand sich übrigens auch am damaligen Markt -im so genannten „Mühligschen Haus“.

Trotzdem war es für die Lehrer und Schüler weiterhin nicht einfach. Mit vielen Widrigkeiten musste man sich herumschlagen. Eine ständig zunehmende Raumnot, hoffnungslos überfüllte Klassen, chronischer Mangel an Lehr- und Lernmitteln, von den Eltern geduldete Schulschwänzerei und die äußerst geringe Entlohnung der Lehrer waren Merkmale der damaligen Zeit.
Dass man als Lehrer schon viel Berufsenthusiasmus an den Tag legen musste, mögen zwei Beispiele belegen.
Die niedrigen Gehälter, die die Lehrer von den Eltern ihrer Schüler fordern konnten, mussten sie sich oft regelrecht erkämpfen.
Als nach 1830 durch die einsetzende Industrialisierung auch in Lengenfeld viele Fabriken entstanden, gingen immer mehr bedauernswerte Kinder für einen kargen Lohn bei langen Arbeitszeiten in die Fabriksäle anstatt zum Lernen in die Schule. Die Eltern tolerierten die Kinderarbeit und die damit verbundene Schulschwänzerei, weil sie jeden Groschen für das Auskommen der Familien benötigten.
1831 beschäftigte zum Beispiel die Baumwollspinnerei von Friedrich Gottlieb Bonitz 29 Kinder
und die Rollmannsche Fabrik 22 Kinder. Weitere Kinder arbeiteten in den Schafwollspinnereien.
Das „Sächsische Volksschulgesetz“ von 1835 brachte wesentliche Fortschritte. Die Einrichtung der Schulen und der Unterrichtsbetrieb wurden genau geregelt. Die Lehrer erhielten ein festes Gehalt. Damals gingen 780 Kinder in Lengenfeld zur Schule. Dieser Tatbestand erforderte eine vierte und fünfte Lehrerstelle. Nach 1835 setzten die Lehrer alle Kräfte daran, um das gesamte Bildungswesen zu verbessern. Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Revolutionsjahres von 1848 forderten sie konkrete Verbesserungen, z. B.:
                                                   -        Verstaatlichung des Schulwesens
                                                   -        Lehrerseminare und Übungsschulen
                                                   -        Kindergärten und Fortbildungsschulen 
                                                   -        Lehrmittel- und Schulgeldfreiheit
Das gesamte gedruckte Programm kann man im Lengenfelder Museum nachlesen.

Das eine Schulgebäude, das Rektoratsgebäude, befand sich bereits 1827 in einem „ganz elenden Zustand“. Da die erforderlichen Geldmittel für einen Neubau fehlten, versuchte man das baufällige Gebäude wieder herzurichten. Letztlich hatte der Himmel ein Einsehen, ein heftiger Wirbelsturm brachte am 7. Juli 1847 das gestützte Dach zum Einsturz. Der Platz vor der alten Kirche wurde nicht wieder bebaut. Jetzt herrschte akute Schulraumnot. Mehrere Schul-Lokale mussten angemietet werden, u. a. das große Sitzungszimmer im Rathaus, beim Ratswirt Simon (heute Hauptstraße 33) und bei der Bäckerei Petzoldt (Reichenbacher  Straße 2).


Da brach am 10. Mai 1856 die Katastrophe des großen Stadtbrandes über Lengenfeld herein. Binnen drei Stunden waren der gesamte alte Stadtkern mit Kirche, dem zweiten Schulgebäude (dem Kantoratsgebäude), dem erst 1841 errichteten Gerichtsgebäude, den beiden Gasthöfen, insgesamt 52 Hauptgebäude vollständig zerstört und 19 weitere mehr oder minder schwer beschädigt. 120 bis 130 Familien, etwa 700 Menschen, wurden ihrer Wohnung und auch all ihres Hab und Gutes beraubt. 
Plötzlich ging es ganz schnell mit einem Schulneubau. Am 25. August 1856 wurde der Grundstein auf dem von Bernhard Pietzsch erworbenen Grundstück neben der Kirche gelegt und der Bau von Maurermeister Wolff ausgeführt. Sogar das Ministerium für Kultus und Unterricht gab einen Zuschuss von 600 Talern. Bereits am 2. November 1856 wurde Richtfest gefeiert, und am 1. Januar 1857 der erste Gottesdienst im neuen Schulgebäude abgehalten. Auf den Tag ein Jahr nach der Grundsteinlegung, am 25. August 1857, wurde mit einem Kinderfest die Schule eingeweiht. Zunächst wurde sie noch als Mehrzweckgebäude genutzt: im Erdgeschoss befanden sich die Ratsexpedition und die Organistenwohnung, im 1. Stock vier Schulzimmer und ein Zimmer für die Stadtverordneten und im 2. Stock bis zur Fertigstellung der neuen Kirche (Weihe: 4. September 1864) der Saal für die Gottesdienste.
 In vier Knaben-, vier Mädchen- und drei gemischten Klassen drängten sich fast 900 Kinder in die Schule. Die Klassenstärken lagen bei 75 bis 90 Schülern.

 


Die öffentliche Schule 
(Auszug aus den Aufzeichnungen von Ernst Oskar Strunz zur Geschichte der Stadt Lengenfeld – leicht gekürzt)
„Ende der fünfziger Jahre des letztvergangenen Jahrhunderts bestand die öffentliche Schule aus

  • 4               Knabenklassen,
  • 4               Mädchenklassen und
  • 3               gemischten Klassen

welche von 900 Kindern besucht und von fünf Lehrern unterrichtet wurden. Jeder Lehrer war laut seiner Anstellungsurkunde für bestimmte Klassen angestellt, der Rektor für die erste und zweite, der zweite Knabenlehrer für die dritte und vierte Knabenklasse, der Kantor für die erste und zweite Mädchenklasse, der Organist für die dritte und vierte Mädchenklasse und der Elementarlehrer für die drei unteren gemischten Klassen.
Als im Jahre 1858 der damalige Elementarlehrer Günthel bei der Königlichen Kreisdirektion um die Gewährung einer Gratifikation nachsuchte und dieses Gesuch damit begründete, dass er 260 Kinder zu unterrichten habe, und als im März 1858 der Rektor Karl Friedrich Krause um seine Emeritierung (Versetzung in den Ruhestand) einkam, weil er in seinem Alter so sehr überfüllte Klassen nicht mehr bewältigen könne, sah sich die Kreisdirektion als obere Schulbehörde veranlasst, einen genauen Bericht über den Stand hiesiger Schule einzufordern.
Pfarrer Wilhelm Bernhard Hildebrand berichtete darauf, mit der Anstellung nur noch eines Lehrers werde der Überfüllung der Klassen nicht abgeholfen, aber zur Anstellung mehrerer Lehrer fehle es an Unterrichtsräumen, weil das Schulhaus derer nur vier habe und darum schon ein Lehrzimmer in einem Privathause angepachtet worden sei. Weitere geeignete Zimmer seien aber nicht zu haben.
Über die Zahl der Kinder jeder Klasse musste Folgendes berichtet werden:

 

Klasse

Anzahl   Kinder

Anzahl der   Unterrichts-
  stunden pro Woche

1.

Knabenklasse

80

20

2.

Knabenklasse

80

16

3.

Knabenklasse

76

16

4.

Knabenklasse

75

16

1.

Mädchenklasse

82

20

2.

Mädchenklasse

81

16

3.

Mädchenklasse

80

16

4.

Mädchenklasse

81

16

1.

Elementarklasse

75

13

2.

Elementarklasse

89

10

3.

Elementarklasse

94

10


Diese Erörterungen hatten jedoch keinen anderen Erfolg, als dass am 7.Oktober 1858 ein sechster Lehrer angestellt wurde. Nach der Emeritierung des Rektors Krause hat sich lange kein Nachfolger gefunden, so dass seine Stelle durch Vikare verwaltet werden musste. Zu der Zeit gab es noch kein Pensionsgesetz und keine Pensionskasse; der Emeritus musste daher als Pension einen Teil des Stelleneinkommens von seinem Nachfolger erhalten und dieser mit dem Reste zufrieden sein.“ 
„Am 1.Februar 1860 konnte der Kandidat der Theologie Theodor Schwabe als Rektor angestellt werden. Mit aller Hingabe widmete er sich seinem Amte, sorgte dafür, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Bücher und Akten in Ordnung gehalten wurden, was bisher nicht allenthalben geschehen war, und gründete eine Schulbibliothek. Leider ging er Ostern 1862 schon wieder weg.
Auch unter den Mädchenlehrern ging eine Veränderung vor. Am 18.Dezember 1861 starb der Kantor Adolf Franke, an dessen Stelle am 14.April 1862 der bisherige Organist Karl Gotthold Kober aufrückte.
Als Organist wurde Heinrich Martin Seidel aus Elsterberg angestellt, wo er auch schon Organist gewesen war. Das Rektorat blieb jedoch unbesetzt. Erst am 2. Dezember 1862 konnte in Joh. Imanuel Blüher ein neuer Rektor eingewiesen werden. Weil aber das Einkommen zu gering war, ging derselbe schon am 9.Mai 1863 wieder fort.
Das Rektorat musste also wieder vikariatsweise verwaltet werden.
Der Stadtrat beschloss nun, diese Stelle mit einem seminaristisch gebildeten Lehrer zu besetzen, und wählte nun als solchen den Lehrer Ernst Oskar Strunz aus Netzschkau. Derselbe wurde am 5.Oktober 1863 als Rektor hier eingewiesen und am 26.Oktober darauf konfirmiert. Ein Jahr danach erhielt er zur Bezahlung des Emeritus einen jährlichen
Zuschuss von 100 Talern aus der Schulkasse.
Bei den überfüllten Klassen, dem häufigen Lehrerwechsel und der geringen Besoldung der Elementarlehrer (120 bis 150 Taler = 360 bis 450 RM) konnte es nicht wundernehmen, wenn die Erfolge in der Schule ungenügend waren. Bei jeder Versetzung kam eine große Anzahl Kinder in die Oberklassen, die nicht lesen, noch viel weniger schreiben konnten. Es wurden einfach so viel Kinder in die nächst höhere Klasse versetzt, als bei der Neuaufnahme in die unterste Klasse eingetreten waren.
Einen Lehrplan, in dem Ziele jeder Klasse und die methodische Behandlung der einzelnen Unterrichtsfächer festgesetzt gewesen wären, gab es nicht. Wenn auch einzelne gewissenhafte Lehrer einen solchen Plan auszuarbeiten versuchten, so konnten sie es doch nur für ihre Klasse tun. Dabei wussten sie aber niemals sicher, wie weit die ihnen neu zugeführten Kinder vorgebildet waren und wo ein Unterricht hätte angeknüpft werden können. Es fehlte eben Einheitlichkeit. 
Charakteristisch war, dass es keine Veranschaulichungsmittel gab, weder im ersten Anschauungsunterricht, noch in Naturkunde, Geschichte und Geographie. Nur zwei abgenutzte Karten von Sachsen und zwei Karten der Planigloben (Planiglob = Kreisförmige Karte einer Halbkugel der Erde) waren vorhanden. Der Unterricht bestand daher nur in Mitteilung und Einprägung von Worten und Sätzen, für welche die Kinder keinen Inhalt hatten und haben konnten.
Unter diesen Umständen war eine gedeihliche Entfaltung der seelischen Kräfte der Kinder unmöglich, und alle Lernfreudigkeit war ausgeschlossen. Nur die begabtesten Köpfe unter den Schülern haben lesen, schreiben und rechnen gelernt. Viele Eltern suchten diesem Übelstand dadurch abzuhelfen, dass sie ihren Kindern wöchentlich einige Stunden Privatunterricht erteilen ließen. Auch wenig bemittelte Eltern haben dies getan. Im Allgemeinen wurde aber der Schule wenig Interesse entgegengebracht. Wer nicht selbst Kinder in die Schule zu schicken hatte, fühlte sich auch nicht gedrungen, für dieselbe etwas zu tun. ‚Was geh'n uns anderer Leute Kinder an?’ und ‚Was brauchen der armen Leute Kinder mehr zu lernen, als dass sie ihr Gesangbuchslied zu lesen vermögen?’, bekamen die nicht selten zu hören, welche sich für eine weitere Ausgestaltung der Schule verwendeten.
Was in dem Wettkampf der Völker in Gewerbe und Handel, in Wissenschaft und Kunst, in Gesinnungstüchtigkeit und edlem Menschentum die Bildung der Massen des Volkes für das Allgemeinwohl zu bedeuten hat, war noch nicht zu allgemeinem Bewusstsein gekommen. Es ist wohl versucht worden, die öffentliche Schule umzugestalten und die Klassenziele und Unterrichtsmethoden der einzelnen Fächer festzustellen, doch musste 1867 der Königlichen Superintendentur auf ihre Anfrage nach dem Erfolge dieser Neugestaltungen geantwortet werden, dass die zu große Schülerzahl der einzelnen Klassen, die zu geringe Zahl der Unterrichtsstunden, die geringe Besoldung der Lehrer, sowie der Umstand, dass jeder Lehrer nur für bestimmte Klassen angestellt worden war, eine wesentliche Besserung des Unterrichtserfolgs nicht aufkommen lassen könne.“ 

Die Gründung der Selekta
(Auszug aus den Aufzeichnungen von Ernst Oskar Strunz zur Geschichte der Stadt Lengenfeld – leicht gekürzt)
Die wohlhabenden Familien haben für ihre Kinder eine so genannte Sammelschule unterhalten, für welche sie aus ihren Mitteln einen Kandidaten der Theologie als Lehrer angestellt hatten. Diese Schule aber litt an dem Übelstande, dass Schüler der verschiedenen Jahrgänge zusammen unterrichtet werden mussten und ihre Lehrer als Privatlehrer immer nur kurze Zeit dablieben.
So war es auch, als 1861 vierzehn Bürger zur Gründung einer Privatschule zusammengetreten sind und für dieselbe den Kandidaten der Theologie Franz Adolf Henke zum Lehrer gewonnen hatten. Nach einem Jahr schon ging der wieder weg, und die Schule musste eingehen.
Man hoffte nun Verbesserung, wenn die Gründung und Verwaltung einer Privatschule vom Stadtrate in die Hand genommen und gleich eine dreiklassige Schule gegründet würde.
Schon am. 4. März 1861 hat der Schulvorstand ein Rundschreiben herumgehen lassen, in welchem die Bürger, welche geneigt seien, ihre Kinder in eine zu gründende Selekta gehen zu lassen und ein Schulgeld von 8 - 15 Talern für ein Kind zu zahlen, aufgefordert wurden, sich zu unterschreiben. Es haben sich darauf 43 Bürger für 54 Kinder unterzeichnet. In dem Gesuche an die Superintendentur um Genehmigung einer derartigen Schule wurde zugesagt, dass dieselbe eine Privatschule sein sollte, deren Aufwand durch das Schulgeld zu decken sei, dass sie Kinder der letzten vier Schuljahre in drei aufsteigenden Klassen zu unterrichten und der Lehrplan auch Unterricht im Französischen und Englischen aufzunehmen habe und dass ihr Ziel das einer höheren Bürgerschule sein solle. Am 10. September 1861 ging die Genehmigung ein mit der Bedingung, dass für jedes die neue Anstalt besuchende Kind der niedrigste Schulgeldsatz an die allgemeine Schulkasse fortzuentrichten sei.
Nachdem am 19.September 1861 für die zu gründende Selekta ein Schulvorstand gewählt worden war, wurde für Ostern 1862 die Gründung der Selekta beschlossen. In einem dem Zimmerermeister Carl Wilhelm Kautzsch gehörigen und an der Kastanienstraße gelegenen Hause sind zwei Zimmer gemietet worden, sodass am 1.Mai 1862 die Anstalt eröffnet werden konnte.
Die Vorausberechnung der Unkosten hat sich folgendermaßen gestaltet: 

Einnahmen   in Taler

 

 

 

Ausgaben   in
  Taler

 

 

Anzahl der   Kinder

Schulgeld
  
  im Jahr

Summe

 

 

I. Klasse

20

15

 300

Gehalt 1.   Lehrer

 450

II. Klasse

25

10

 250

Gehalt 2.   Lehrer

 350

III.   Klasse

25

8

 200

Gehalt 3.   Lehrer

     25

Aufnahme-gebühr

 

 

     40

Lehrer der
  öffentlichen Schule

 100

Weibliche   Handarbeiten

15

5

     75

Mietzins

     80

 

 

Einnahmen

  865

Feuerung

     30

 

 

Ausgaben

1093

Inventar

     68

 

 

Fehlbetrag

  220

Summe

1093 

 



Seit 1850 genutztes Gebäude für die Selekta, Kastanienstraße 3;
In der unteren Etage waren zwei Klassenräume untergebracht, oben befanden sich die Lehrerwohnungen.

Die Selekta war nun wohl gegründet. Sollte sie sich aber gedeihlich fortentwickeln, so waren noch manche Übelstände zu beseitigen. Wie die Sache stand, hatte sich bald eine unschöne Eifersüchtelei zwischen den Lehrern der Volksschule und denen der Selekta, wie auch zwischen Schülern beider Anstalten entwickelt.Der Stadtrat beschloss am 8.Juni 1868, die Selekta mit der öffentlichen Schule zu verbinden, sie aber wegen des Besetzungsrechtes über ihre Lehrerstellen als besondere städtische Lehranstalt zu behandeln.

3. Das Lengenfelder Schulwesen zur Kaiserzeit (1871-1918)Große Verdienste um das Lengenfelder Schulwesen erwarb Ernst Oskar Strunz, der es von 1863 bis 1904 leitete. Unter seiner Führung wurde das 1873 erlassene grundlegende Schulgesetz verwirklicht. Kirchen und Schulverwaltung wurden größtenteils voneinander getrennt. Nach dem Bau unseres heutigen Rathauses (Übergabe: 11. Dezember 1880) dienten nun auch die bisherigen Räume der Ratsexpedition und seit 1886 die Organistenwohnung als Schulzimmer. 1896, am Geburtstag von König Albert, wurde Ernst Oskar Strunz das Ritterkreuz 2. Klasse verliehen.Die Stadt ehrte ihn zu seinem 40─ jährigen Amtsjubiläum 1903, indem sie einer Straße seinen Namen verlieh: die Strunzstraße.In den folgenden Jahren wuchs die Lehrerzahl auf 18 plus zwei Handarbeitslehrerinnen an. Wieder war das Problem der Raumnot zu klären. Man errichtete deshalb 1890 für 10.000 Mark eine Baracke mit mehreren Unterrichtsräumen auf dem Turnplatz der Schule. Einen Schulneubau verzögerte man immer weiter. So vergingen zehn Jahre, in denen man um Bauplätze stritt, was die sächsische Regierung so verärgerte, dass sie die Schulbeihilfe sperrte. 

Die Lengenfelder Lehrer im Jahre 1898
Von links nach rechts: 1. Reihe: Hermann Buschner, Direktor Ernst Oskar Strunz, Moritz Bräunlich; 2. Reihe: Hilfslehrer Richard Paul Eckardt (?) oder Karl Franz Neuhahn (?), Martin Franke, Kantor Ernst Böttcher, .Luise Bernhardi, Georg Oedmeyer, Richard  Hendel, Hermann Diezel; 3. Reihe sitzend: Max Böttcher, Hermann Meißner, Walter Kaden, Organist Gustav Gruner, Turnlehrer Max  Felber, Ernst Franke


Zu Ostern   1904 wurde Ernst Oskar Strunz nach 41 Jahren an der Spitze des Lengenfelder   Schulwesens in den verdienten Ruhestand verabschiedet. Sein Lieblingswunsch,   ein Schulneubau, blieb ihm jedoch während seiner Amtszeit versagt.

  

Einen weiteren Verdienst für seine Heimatstadt erwarb sich Ernst Oskar Strunz mit der Bearbeitung der „Geschichte der Stadt Lengenfeld von 1859 bis 1910“, welche auch für die vorliegende Broschüre genutzt wurde. Am 4. August 1903 trat Dr. Alfred Scheider das Amt des Bürgermeisters in Lengenfeld an. Ernst Oskar Strunz urteilt in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Stadt Lengenfeld: „Ein Mann von weitem Blick; voll Verständnis für die gewerblichen und industriellen Interessen; von Geschick, Menschen zu behandeln; und von festem Willen. Er verstand, die verschiedenen Mei-nungen und Interessen bei der Erbauung der neuen Schule unter einen Hut zu bringen, die Bürger für diesen Bau zu erwärmen und so ein mustergültiges Schulhaus zu erstellen.“

Nicht nur die akute Raumnot, auch die wachsenden An- forderungen des sich spezialisieren- den Unterrichts machten den Schulneubau dringend erforderlich. Am 30. März 1905 wurde in Sichtweite der „Unteren Schule“ der Grundstein, heute noch erkennbar, für die neue, größere Schule gelegt und schon am 15. Juli 1905 Richtfest gefeiert.  Die Baupläne schuf Stadtbaumeister Bernhard Schaaf, die Bauausführung lag in den Händen der Lengenfelder Baufirma Fuchs & Busch.    

 

Mit einer würdigen Weihe am 13. August 1906 übergab man das stattliche Gebäude mit der angebauten Turnhalle, welches später im Volksmund nur „Obere Schule“ heißen wird, den Schülern und Lehrern. 

Auf der kolorierten Postkarte (siehe Umschlagseite) sieht man den damaligen Anblick besser, den die „Obere Schule“ dem

„Es war ein Festtag für die gesamte Schule. Am Nachmittag zogen nach einer kleinen Feier die Schulkinder, die Lehrerschaft und die Vertreter der Stadt mit Musik von der alten hinauf zur neuen Schule. Hier erfolgte die Schlüsselübergabe durch den Stadtbaumeister Bruno Kühn (der Nachfolger von Bernhard Schaaf) an Schuldirektor Gustav Wagner. Dann begab sich der Festzug in die Turnhalle, in der unter Klängen der neuen Orgel der eigentliche Weiheakt vollzogen wurde. Den Tag beschloss ein festliches Mahl im „Sächsischen Hof“.“
Das Projekt zur „Erbauung eines Schulgebäudes für Lengenfeld“ sah die Anordnung der einzelnen Gebäudeteile etwas anders vor. Die Turnhalle wurde an das Hauptgebäude auf der Fläche des vorgesehenen Turnplatzes platziert, und der Erweiterungsbau entlang der Schulgasse (heute Schulstraße) wurde leider nie realisiert.
Anhand dieser alten Bauzeichnung erhält man eine gewisse Vorstellung davon, wie der geplante Erweiterungsbau der „Oberen Schule“ in der Realität ausgesehen haben könnte. 
„Für die Schuljugend bildete ein Kinderfest den Ausklang. Es wurde am 2. und 3. September gefeiert. Jede Klasse bekam ihren abgegrenzten, mit Tannengrün geschmückten Spielplatz, wo man mit Stechtauben und Armbrust auf Holzvögel und Sterne schoss, Wettspiele austrug und zu allen möglichen anderen Belustigungen Gelegenheit fand.“ Alle Kinder erhielten zur Erinnerung einen mit Goldrand verzierten Porzellanbecher, der neben dem Bild der neuen Schule die Inschrift trägt: „Schulweihe – Kinderfest – Lengenfeld i. V.“ und „13. Aug. –1906 – 2./3. Sept.“ Ein Teil der Becher soll schon auf dem Festplatz zu Scherben gegangen sein.
Lange Zeit gedachten die Teilnehmer mit Freuden dieser für die Lengenfelder Schulgeschichte so bedeutungsvollen Tage.
Unter Schuldirektor Gustav Wagner konnte sich das Schulwesen weiterentwickeln:
Es entstand eine nach Ständen gegliederte Bürgerschule, die eine mittlere und einfache Abteilung umfasste.
In der 1. Bürgerschule lernten die Kinder der Begüterten. Diese Klassen hatten höchstens 30 Schüler. Die Stundenzahl war höher als in der 2. Bürgerschule, da auch Fremdsprachen gelehrt wurden. Das 
jährlich zu entrichtende Schulgeld betrug z.B. in der 8. Klasse bei fremdsprachlichem Unterricht 22,68 Mark, sonst 12,96 Mark.
In der 2. Bürgerschule saßen die Kinder der Armen, 45 – 50 Schüler je Klasse mit weniger Stunden, denn sie wurden zu Hause gebraucht. Ihr Schulgeld richtete sich nach dem Einkommen der Eltern. Gesuche um Schulgelderlass füllten ganze Aktenbündel. Erst 1919 wurde durch das „Übergangsgesetz“ das Schulgeld abgeschafft. 
Jetzt wurde die „Untere Schule“ umgebaut und die alte Schulbaracke abgerissen.
Bereits am 1. April 1894 hatte die auf Anregung von Kommerzienrat Ernst Baumgärtel gegründete Handelsschule in den Räumen der „Unteren Schule“ den Schulbetrieb aufgenommen. Sie sollte, „den hiesigen Lehrlingen eine weitere theoretische kaufmännische Bildung zuteil werden lassen, als dies im Geschäft selbst möglich“ war.“ Die Handelschüler hatten früh von 6 bis 8 Uhr Unterricht und gingen dann ins Kontor ihres Betriebes. Neben Volksschullehrern unterrichteten auch mehrere Kaufleute. Die Handelsschule wurde zunächst in Personalunion von Volksschuldirektor Ernst Oskar Strunz und nach dessen Eintritt in den Ruhestand von Amtsnachfolger Gustav Wagner geleitet. 1909 wurde mit Studienrat Richard Tolles ein hauptamtlicher Handelsschuldirektor berufen. Kurt Lorenz löste 1912 Gustav Wagner als Schuldirektor ab. 1913 wurde die „Gewerbeschule“ gegründet. 
Der 1. Weltkrieg brachte auch den Lengenfeldern Not und Leid. 1914 wurden die Klassen zusammengelegt. Bis zu 73 Kinder unterrichtete 
man in einem Zimmer.
4. Das Lengenfelder Schulwesen zur Zeit der Weimarer Republik (1919 – 1933)



Die Lehrer Gretschel, Ackermann, Wappler, Schumann, Petzold, Ebner und Schneider kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Unterernährt und immer hungrig saßen die Kinder in der Schule. Sie trugen Papierschuhe mit Holzsohlen, hatten hohle Wangen und matte Augen.
Die Schulküche wurde genutzt, um zweimal pro Woche für je 300 Sozialrentner zu kochen. Für die Arbeitslosen wurde im Schulkeller in einer zusätzlichen Gulaschkanone Essen zubereitet.
Ob sich die Kinder im Frühjahr 1919 wohl über die „Stinkferien“ freuten? Verursacht wurden diese durch viele Zentner erfrorener Kartoffeln, die in der „Oberen Schule“ lagerten und deren bestialischer Geruch ein Unterrichten unmöglich machte. Es ist kaum anzunehmen.
 

Fortbildungsschule

In der „Unteren Schule“ war auch die „Fortbildungsschule“ (selbstständige Berufschule) untergebracht. Ab 1920 durften auch Mädchen die „Fortbildungsschule“ besuchen, die nun unter der Bezeichnung „Berufsschule“ von Richard Fröhlig geleitet wurde. Hier erteilten die technischen Lehrerinnen der Volksschule den Fachunterricht für Mädchen. So richtete zum Beispiel Elise Glaeßer in den Kellerräumen der „Oberen Schule“ 1922 eine beispielgebende Kochküche ein. Anna Grove unterrichtete Säuglingspflege. 

Während des Bergarbeiterstreiks zur Zeit des Kapp-Putsches 1920 lebten Bergarbeiterkinder aus Planitz (heute Stadtteil von Zwickau) bei Lengenfelder Arbeiterfamilien und füllten die Lengenfelder Schulklassen auf. 
So wurde der Schulbetrieb, dessen Leitung von 1923 – 1933 in den Händen von Karl Effenberg lag, mühsam wieder in Gang gebracht. Es wurde eine dreizügige Volksschule eingerichtet. Die a‑Klassen besuchten die begabten Knaben und Mädchen, die b-Klassen die restlichen Knaben und die c-Klassen die übrigen Mädchen. 

Kochschule mit Johanne Schneider  im Keller der „Oberen Schule“ (1924)Kochschule mit Johanne Schneider im Keller der „Oberen Schule“ (1924)



Im Lehrerzimmer der „Oberen Schule“, 1920, stehend (von links): Willy Morgner, Dr. Kurt Meinel, Otto Thoß, Karl Effenberg, Kurt Ebert, Rudi Gerber, Fritz Seidel, Hermann Meißner, Richard Hendel; sitzend (hintere Reihe): Organist Gustav Gruner, Alfred Eger, … Schmidt, Kurt Eger, Otto Fischer, Direktor Kurt Lorenz, Georg Oedmeyer, Elisabeth Rinkefeil, Anna Grove, Elise Glaeßer; sitzend (vordere Reihe): Arno Kneisel, Johanne Schneider, … Fiedler, Arno Schmalfuß







Lehrer Ernst Leistner mit seiner Klasse 1920Lehrer Ernst Leistner mit seiner Klasse 1920

Schulleiter Karl Effenberg, musisch begabt, verfasste das Parkfestlied: „Das Parkfest ist eine starkes Band im Leben unsers Ortes …“ und wir verdanken ihm die unschätzbar wertvolle Lichtbildersammlung von Alt-Lengenfeld, die heute in unserem Museum aufbewahrt wird. Kantor Curt Ruttloff vertonte das von Auguste Löffler-Ebert geschaffene Lengenfeld-Lied. Lehrer Martin Krauße stand jahrelang an der Spitze des „Turnvereins zu Lengenfeld“ (Hammer-Turnverein) und erforschte als Philatelist die Lengenfelder Postgeschichte. 
„Lehrer Kurt Eger ordnete in unzähligen Stunden die völlig durcheinander gebrachten Lehrmittel, reparierte und beschriftete sie. Der Werkraum wurde eingerichtet, der Schulgarten neu angelegt, die Bücher durchgearbeitet.“ 
Hermann Gerisch, 1994 verstorbener Ehrenbürger von Lengenfeld, erinnerte sich an seine Schulzeit in Lengenfeld: 
„1917, zu Kaiser Wilhelms Zeiten und noch während des 1.Weltkrieges, wurde ich ABC-Schütze in einer gemischten Klasse bei Herrn Seidel in Lengenfeld. Es gab noch zwei weitere Parallelklassen, eine reine Jungen- und eine Mädchenklasse. Wir lernten Lesen, Schreiben und Rechnen wie heute. Wer seine Aufgabe aber nicht ordentlich erledigte, weil er keine Lust hatte oder dazu zu müde von der Arbeit zu Hause war, machte mit dem Rohrstock des Lehrers schmerzhafte Bekanntschaft. Wer aber seine Aufgaben ordentlich erledigte, konnte eine 2 oder 3, aber auch eine 2 b oder 3 a erhalten.
Die Klassenzimmer waren etwas anders eingerichtet als heute.
Festgeschraubte Bänke mit Klappsitzen, ein Pult und ein Schrank für die Dinge des Lehrers sowie eine Ständertafel und ein Waschbecken gehörten zur Ausstattung. 
Mit Tinte und Schreibfedern, die oft die ‚Gusch’ aufsperrten und mächtig klecksten, erlernten die Schüler Haarstrich und Grundstrich, lernten sie die deutsche Schrift zu schreiben. Der Unterricht begann  mit einem Lied und einem gesprochenen religiösen Vers.“  


Nach dem Wiederaufbau sind die großen Erkerzimmer im Dachgeschoss auf diesem Bild aus dem Jahre 1925 gut zu sehenNach dem Wiederaufbau sind die großen Erkerzimmer im Dachgeschoss auf diesem Bild aus dem Jahre 1925 gut zu sehen

Am 27. März 1924 ereignete sich in der „Unteren Schule“ eine schwere Gasexplosion. Im Handarbeitszimmer der Mädchenberufsschule im zweiten Stock war eine Gasplatte nicht abgedreht worden. Am Morgen wollte Hausmeister Michael Zeitler mit einem brennenden Stück Papier, vom Nachbarzimmer kommend, den Ofen anfeuern 
Das in demZimmer über Nacht angestaute Gas explodierte und verletzte den Hausmeister schwer. Das gesamte obere Stockwerk musste abgetragen werden und beim Wiederaufbau erhielt das Gebäude sein heutiges Aussehen mit den großen Erkerzimmern. Der Sachschaden belief sich damals auf 17.000 Mark.                
1925 feierten die Lengenfelder ein groß aufgezogenes Schul- und Parkfest. Die Lehrer gaben die reich bebilderte Festschrift „Lengenfeld in Wort und Bild“ heraus.
Auf dem Markt sollte ein mit viel Mühe eingeübter Festreigen aufgeführt werden, der aber einem fürchterlichen Gewitter zum Opfer fiel. 






Selbst eine Woche später, als man das Fest wiederholen wollte, regnete es erneut unaufhörlich. Entnervt gab man das Vorhaben der Aufführung des Festreigens auf. 1928 kaufte die Stadt Lengenfeld das ehemalige Maschinenstickereigebäude der Fa. Theodor Baumgärtel, Brunnenallee 6, als Unterkunft für die Handels- und Gewerbeschule. Am 28. September 1929 wurde hier nach dem Umzug von der „Unteren Schule“ der Unterricht aufgenommen. Bereits seit 1926 leitete Studienrat Willy Seifert die Handelsschule, bis diese dann im Frühjahr 1941 geschlossen wurde.